Wie die DDR jüdische Stimmen in Halberstadt zum Schweigen brachte – eine verdrängte Geschichte
Amelie KrausWie die DDR jüdische Stimmen in Halberstadt zum Schweigen brachte – eine verdrängte Geschichte
Philipp Grafs neues Buch untersucht die verdrängte jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR – und zeigt, wie die antifaschistischen Bemühungen des Staates oft scheiterten. Die Studie deckt auch das systematische Zum-Schweigen-Bringen jüdischer Stimmen auf, darunter die der niederländischen Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die nach dem Sechstagekrieg zensiert wurde.
Die jüdische Gemeinde Halberstadts, einst ein Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums, wurde in der NS-Zeit ausgelöscht. Die Zerstörung der Synagoge 1938 markierte den eigentlichen Beginn des Traumas der Stadt – nicht die späteren alliierten Luftangriffe von 1945. Nach dem Krieg wurden jüdische Betriebe von Nicht-Juden übernommen, und 1961 wurde der letzte bekannte jüdische Überlebende beerdigt.
An der Stelle des ehemaligen KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt entstand 1949 eine Gedenkstätte für die Opfer der Zwangsarbeit. Doch 1969 wurde der Ort zu einer Kulisse für politische Treuegelöbnisse umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge. Die unterirdischen Stollensysteme des Lagers dienten in den 1970er-Jahren der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR als militärisches Depot.
Trotz antifaschistischer Rhetorik wurden jüdische Stimmen in der DDR häufig ignoriert. Lin Jaldati, die 1952 in die DDR übergesiedelt war, verschwand nach dem Sechstagekrieg aus den Staatsmedien und tauchte erst Mitte der 1970er-Jahre wieder auf. Gleichzeitig veröffentlichten jüdische Autoren wie Peter Edel und Jurek Becker – beide Überlebende der Shoah – 1969 Romane, die seltene persönliche Zeugnisse der Verfolgung boten.
Grafs Werk „Verweigerte Erinnerung“ (Originaltitel: „Rejected Legacy“) argumentiert, dass die DDR den Antisemitismus nie angemessen aufarbeitete. Er fordert eine kritische Überprüfung alter Deutungsmuster und zeigt, dass die staatliche Politik oft symbolisch blieb, statt wirksam zu sein. Das Buch beleuchtet, wie die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR an den Rand gedrängt wurde – von der Zweckentfremdung der KZ-Stollen bis zur Ausgrenzung jüdischer Persönlichkeiten. Grafs Studie zwingt nun zu einer Neubewertung, wie die DDR ihre Vergangenheit aufarbeitete – oder sie vielmehr verdrängte.






